Zur Geschichte der „Kapital“-Rezeption seit 1867

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Bewirkte Wirkungen

Zur Geschichte der „Kapital“-Rezeption seit 1867 • Von Georg Fülberth

UZ 21.7.2017

Wer behauptet, „Das Kapital“ von Karl Marx habe die Welt verändert, argumentiert idealistisch. Ein Buch hat zunächst einmal materielle Ursachen: die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen es entsteht. Danach wirkt es nicht auf diese als Gesamtheit, sondern zunächst nur auf seine Leserinnen und Leser. Ob diese daraufhin die Welt verändern, muss man sehen.

Dies gilt auch für „Das Kapital“. Seine Rezeption hat in den vergangenen 150 Jahren gewechselt und ist von den Umständen abhängig gewesen. Zunächst sollte man fragen: Wie war das jeweilige gesellschaftliche Kräfteverhältnis? Wie weit war „Das Kapital“ in der Bevölkerung eines Landes in einer gegebenen Zeit bekannt, wie wirkte es in der Arbeiterbewegung, wie auf die Intellektuellen?

So soll im Folgenden verfahren werden.

1867-1914

Das gesellschaftliche Kräfteverhältnis in Europa zwischen dem Erscheinen des ersten Bandes des „Kapital“ 1867 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war bestimmt durch die Industrielle Revolution, durch die „Soziale Frage“ = die Entstehung eines Massenproletariats und einer starken Arbeiterbewegung. Marx Buch war in der Breite der Bevölkerung unbekannt. Die Mitglieder der organisierten sozialistischen Bewegung lasen es in nur äußerst seltenen Ausnahmefällen. Einige, ebenfalls wenige, mögen popularisierende Broschüren zur Kenntnis genommen haben: von dem späteren Anarchisten Johann Most, dem Niederländer Ferdinand Domela Nieuwenhuis, dem Franzosen Gabriel Deville. Umfangreicher und besonders wirksam war Karl Kautskys Buch „Karl Marx ökonomische Lehren“» (1886). Auch Friedrich Engels“ „Anti-Dühring“ (1878), zu dem Marx ein Kapitel über Ökonomie beigesteuert hatte, wirkte in diesem Sinn.

Die aktiven sozialdemokratischen Politiker werden „Das Kapital“ ebenfalls in der Regel nicht gelesen haben. Eine Ausnahme war August Bebel. Auch den Redakteuren und Journalisten der sozialdemokratischen Tagespresse war das „Kapital“ wohl fast durchgehend wenig bekannt. Als der führende Publizist und Historiker der SPD, Franz Mehring, 1918 eine Biografie von Karl Marx veröffentlichte, verfasste er den Abschnitt über dessen Hauptwerk nicht selbst, sondern übertrug diese Aufgabe Rosa Luxemburg.

In der akademischen Wissenschaft dagegen ist das Werk intensiv wahrgenommen und diskutiert worden, meist im Endergebnis ablehnend, immerhin mit hoher Sachkenntnis. Hierfür gibt es mindestens zwei Gründe.

Erstens: Die bürgerlichen Professoren der Ökonomie wurden von Marx und Engels zwar kräftig gescholten, aber ihr Niveau befand sich damals auf einem später nicht mehr erreichten Höchststand.

Zweitens: In dem Maße, in dem die Arbeiterbewegung als eine Bedrohung wahrgenommen wurde, machten es sich gerade die staatstragenden liberalen oder konservativen Gelehrten zur Aufgabe, die Theorie, auf die sich deren Führer - unabhängig von deren tatsächlichem Kenntnisstand - beriefen, zu analysieren, um sie bekämpfen zu können.

Eine schmale Elite der sozialistischen Intelligenz hat bis 1914 die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie weiterentwickelt.

Die erste Übersetzung des „Kapital“ erschien 1872 in Russland und war legal: wegen seines Umfangs und der Schwierigkeiten der Materie unterlag dieses Buch dort nicht dem Verbot durch die Zensur. Die russischen „Volkstümler“, die ihre Hoffnung auf die Bauern setzten, sahen die Elendsund Gewaltschilderungen des 24. Kapitels über die so genannte ursprüngliche Akkumulation als Warnung vor einem Schicksal, das der Kapitalismus auch ihrem Land bringen werde, das aber vermieden werden könne: noch sei er dort nur in Ansätzen entwickelt, und seinem Sieg könne auf der Basis des noch bestehenden ländlichen Gemeineigentums vorgebeugt werden. Die Reproduktionsschemata des zweiten Bandes könnten dort nicht funktionieren.

Russische Liberale - sie hießen „die legalen Marxisten“, da sie im Unterschied zu den Sozialisten nicht verfolgt wurden - nahmen den ersten Band des „Kapital“ positiv auf: An den Reproduktionsschemata könne man sehen, nicht wie der Kapitalismus untergehe, sondern wie er funktioniere. Lenin widersprach - ebenfalls gestützt auf den zweiten Band - in seinem Buch „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“ (1899) beiden: Russland sei bereits ein kapitalistisches Land und könne deshalb an der internationalen Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft teilnehmen.

Rosa Luxemburgs Werk „Die Akkumulation des Kapitals“ (1913) war in gewisser Weise Teil dieser russischen Diskussion. Sie entwickelte die Reproduktionsschemata weiter und kam zu dem Ergebnis, dass der Kapitalismus sich allenfalls so lange halten könne, wie er außerkapitalistische Regionen plündern könne. Wie bei den Volkstümlern war auch hier das 24. Kapitel des ersten Bandes heranzuziehen.

Rudolf Hilferdings Buch „Das Finanzkapital“ (1910) ist manchmal als eine Art vierter Band des „Kapital“ bezeichnet worden - insofern zutreffend, als er bei der Analyse des Kreditwesens und dem Hinweis auf die Monopole an den dritten anknüpfen konnte.

1914-1945

Die drei Jahrzehnte 1914-1945 sind gekennzeichnet durch zwei Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise 1929-1933, Entstehung und Selbstbehauptung der Sowjetunion.

Kenntnis des „Kapital“ in weiteren Kreisen der Bevölkerung kapitalistischer Länder gab es auch jetzt nicht, in Teilen der Arbeiterbewegung fand immerhin, wie schon vor 1914, eine Unterrichtung mithilfe von Kurzfassungen statt. Rosa Luxemburgs Arbeit an den Reproduktionsschemata des zweiten Bandes wurde - mit voneinander abweichenden Ergebnissen - von Fritz Sternberg in seinem Buch „Der Imperialismus“ (1926) und Henryk Grossmann fortgesetzt. Das Werk des Letzteren - „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“ - kam im Ausbruchsjahr 1929 der Weltwirtschaftskrise heraus und schien schon durch seinen Titel einen Nerv zu treffen.

1902 hatte in Lenin in seiner Broschüre „Was tun?“ vor dem „Ökonomismus“ in der Arbeiterbewegung gewarnt. Gemeint war die Beschränkung auf den gewerkschaftlichen Kampf. In einer vorrevolutionären Situation stand eine darüber hinausgehende Politisierung an: durch eine Partei neuen Typus und - im Moment der Revolution selbst - mit der Zerschlagung des alten Staates. Als Lenin 1918 seine Schrift „Staat und Revolution“ veröffentlichte, griff er auf die staatstheoretischen Schriften von Marx und Engels zurück, nicht mehr auf „Das Kapital“ -jetzt war der politische Überbau zu mobilisieren. Und nicht nur er, sondern auch der ideologische. Darauf wiesen Georg Lukacs („Geschichte und Klassenbewusstsein“, 1923) und Karl Korsch („Marxismus und Philosophie“, ebenfalls 1923) hin. Die ökonomische Theorie, damit auch „Das Kapital“ geriet in den Hintergrund. In der US-amerikanischen Emigration trennte sich das einst in Frankfurt/ Main gegründete Institut für Sozialforschung unter Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Friedrich Pollock von dem Kommunisten Henryk Grossmann und konzentrierte sich auf eine Version des Marxismus als einer nichtrevolutionären Kritischen Theorie der Gesellschaft. Im Nachhinein sieht man bei Korsch, Lukacs, in dieser Phase des Instituts für Sozialforschung, aber auch bei dem auf Politik und Hegemonie konzentrierten Antonio Gramsci den Beginn des so genannten „Westlichen Marxismus“.

1945-1967

Die Jahrzehnte nach 1945 sind charakterisiert durch den Kalten Krieg zwischen Kapitalismus und Sozialismus und im Westen durch den Wohlfahrtskapitalismus.

Jetzt kommt es auch zu einer Kenntnisnahme des Marxismus in der Breite der Bevölkerung der kapitalistischen Länder. Der Sozialismus hatte sich bis an die Elbe ausgedehnt, wurde als Gefahr und damit aber auch als eine Realität erkannt. In Bildungswesen, staatlicher Propaganda und Medien wurde er bekämpft, das setzte zumindest ansatzweises (und sei es entstelltes) Referat seiner zentralen Thesen voraus. In der Arbeiterbewegung selbst erloschen allerdings jetzt die bisherigen Ansätze einer „Kapital“-Rezeption. Zwischen 1956 und 1987 wurde das Buch „Von Marx zur Sowjetideologie“ des Politologen Iring Fetscher in 22 Auflagen verbreitet, darunter auch für die „Informationen für die Truppe“ der Bundeswehr. Nach dem 13. August 1961 hielten es auch die Evangelischen Akademien für angemessen, sich differenzierter mit dem Gegner auseinanderzusetzen und u.a. die Marxschen Frühschriften gegen den so genannten Totalitarismus in Stellung zu bringen. Die in der DDR erscheinende Werkausgabe von Marx und Engels (MEW) lieferte Quellen, darunter - in den Bänden 23-24 - auch „Das Kapital“. In den sozialistischen Ländern wurde es zwar massenweise gedruckt, ein Beitrag zu einer ökonomischen Theorie des Sozialismus konnte es aber nicht sein.

Im Westen zeigten sich erste Ansätze einer „Neuen ,Kapital-Lektüre“.Für diese beschreibt „Das Kapital“ nicht Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus und das in ihr zutage tretende Wertgesetz, sondern analysiert dieses als zeitlose, allerdings erst in der industriellen Revolution zutage tretende Struktur. In der „Kapital“-Lektüre des französischen Philosophen Louis Althusser spiegelt sich so auch die Perspektivlosigkeit der kommunistischen Bewegung im Wohlfahrtskapitalismus.

1968-1990

Die Studierendenrevolte von 1968 und die Arbeiterkämpfe bis Mitte der siebziger Jahre gehörten zur letzten Phase dieses Wohlfahrtskapitalismus, bevor er ab 1973 in den neuen Marktradikalismus („Neoliberalismus“) überging.

Während „Das Kapital“ im Kern der Arbeiterklasse weiterhin ungelesen blieb, wurde es jetzt von einem Teil
der Massenschicht der Intelligenz, die sich schon seit 1945 rasch ausbreitete, rezipiert. Keine frühere Generation' ist so „Kapital“-gebildet gewesen wie diese Jahrgänge, und das hält - trotz aller politischen Rückschläge - bis heute.

Auslöser war tatsächlich die Studierendenbewegung. Im Jahr 1968 allerdings wurde wenig gelesen, umso mehr danach. Wer die Revolte als eine Revolution missverstanden hatte, begriff deren Ende als Zeichen für die Überlegenheit des Kapitals und wollte ihn deshalb genauer studieren: mit einer „Kapital“-Lektüre, nachgelieferter Theorie für die Erklärung einer gescheiterten Praxis. Als die SPD 1969 erstmals den Bundeskanzler stellte, wurden andererseits Hoffnungen auf eine antikapitalistische Nutzung des Staatsapparats wach und dann auch wieder kritisch bekämpft. Vor dem Hintergrund solcher Debatten gedieh eine „Staatsableitungsdebatte“ die sich bei Marx Rat holte. Landauf, landab bildeten sich Lesekreise. Eine Anleitung boten u.a. die Vorlesungen zur Einführung ins „Kapital“ von Wolfgang Fritz Haug. Zwischen 1974 und 1990 wurden sie fünfmal aufgelegt. Die 1968 ins Leben getretene DKP gewann Einfluss an den Universitäten, der ab ca. 1980 wieder erlosch. Fast jede der inzwischen entstandenen sozialistischen Kleingruppen hielt ihren einen „Kapital“-Zirkel ab und veröffentlichte ihre Interpretationsvarianten. An mehreren Hochschulen gab es eine Art gesellschaftswissenschaftliches Grundstudium, zu dessen Kanon auch Marx* Kritik der Politischen Ökonomie gehörte.

Um 1980, zeitgleich mit Andre Gorz‘ Buch „Abschied vom Proletariat“, dem Wirksamwerden der marktliberalen Wende und dem sich abzeichnenden Niedergang des Staatssozialismus, legte sich das allmählich. Aber nicht jede Form der Abwendung war Renegatentum. Zu den positiven Entwicklungen gehörte die Entdeckung von blinden Flecken in einer nahezu ausschließlich am Industrieproduktivismus orientierten Kritik der Politischen Ökonomie durch Feministinnen, die „Das Kapital“ gelesen hatten. Bahnbrechend wurde Christel Neusüß mit ihrem Buch „Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung oder Die Genossin Luxemburg bringt alles durcheinander“ (1985). Fünfzehn Jahre vorher, 1970, hatte sie mit einer zusammen mit Wolfgang Müller verfassten Kritik der Sozialstaatsillusion die Staatsableitungsdebatte ausgelöst, und jetzt schloss sich ein Kreis.

1990-2017

Mit dem Untergang des Staatssozialismus landeten die blauen Bände der Marx-Engels-Werkausgabe auf Flohmärkten, weil bisherige Leser sie loswerden wollten. Inzwischen werden sie neu gedruckt und sind viel teurer als früher. Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ und der erste Band des „Kapital“ wurden 2013 von der UNESCO ins Weltkulturerbe aufgenommen. Die Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) erscheint weiter, jetzt nicht mehr von den kommunistischen Parteiinstituten in der DDR und UdSSR finanziert, sondern vom bürgerlichen Staat. Es gibt einen Film „Der junge Karl Marx“, nicht nur 2017 (150 Jahre „Das Kapital“) wird es einen Hype geben, sondern mit Sicherheit auch 2018 (200 Jahre Marx).

Was ist los?

Reaktionäre sagten einst: Ein guter Kommunist ist ein guter Kommunist. Ist der Feind besiegt, kann man sich mit Teilen seines Erbes schmücken.

Andererseits: Durch eine solche Einbeziehung des Marxismus in die Kulturindustrie wird der Zugang zu ihm vielleicht ebenso offengehalten wie 1953 durch die Wahlplakate der CDU, auf denen stand: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“. Seit mehreren Jahren gibt es jetzt wieder viele Lesekreise. Dort hat jetzt die
„Neue ,Kapital‘-Lektüre“ welche vom so genannten „Arbeiterbewegungsmarxismus“ nichts hält, besonders großen Einfluss. Michael Heinrichs Schrift „Kritik der politischen Ökonomie“ ist inzwischen in der 13. Auflage erschienen. Laut seiner „Monetären Werttheorie“ kommt der Arbeitswert erst in einer voll entfalteten Geldwirtschaft zur Geltung, nicht vorher. Im Finanzmarktgetriebenen Kapitalismus und in Zeiten erlahmter Arbeiterbewegung ist das eben jetzt die eingängigste Form des „Kapital“-Verständnisses.

Unabhängig davon wird mit der sich anbahnenden „Industrie 4.0“ das 23. Kapitel des ersten Bandes besonders aktuell: das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“ - Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft durch Maschine.

Also: Solange es den Kapitalismus gibt, wird er ein immer neues Verständnis des Buches „Das Kapital“ hervorrufen.

Kurzfassung des Beitrags von Georg Fülberth auf der Tagung der Marx-Engels-Stiftung „150 Jahre ,Das Kapital’“ am 10. Juni in Marburg

 
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